Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

Wachsende berufliche Selbstständigkeit bei Migrantinnen - Zunahme des Frauenanteils um 88 Prozent in den letzten 10 Jahren

Ausgabejahr
2010
Erscheinungsdatum
01.11.2010

Mit Blick auf den demografischen Wandel und den stetig größer werdenden Fachkräftemangel kommt der Integration von Migrantinnen und Migranten in den deutschen Arbeitsmarkt ein immer höherer Stellenwert zu. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln zeigt in einer aktuellen Studie, dass sich auf diesem Wege das Bruttoinlandsprodukt um jährlich 0,1 Prozentpunkte steigern lasse – was bis zum Jahr 2050 zusätzliche Erträge von 164 Milliarden Euro für den Staat bedeuten würde.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) untermauert den enormen Beitrag, den Gründungen von Migrantinnen und Migranten für die deutsche Wirtschaft leisten. 2010 schaffen diese Gründerinnen und Gründer rund 150.000 neue Arbeitsplätze – Tendenz steigend, denn allein zwischen 2007 und 2009 stieg der Anteil der Zuwanderer unter den Gründungswilligen von 14 auf 18 Prozent.

Wie hoch die Potenziale sind, zeigt sich am Beitrag der Migrantinnen zur deutschen Wirtschaftsleistung. Jede sechste bis siebte unternehmerisch tätige Frau in Deutschland besitzt einen Migrationshintergrund. Im Jahr 2008 traf dies auf 191.000 Frauen zu, so nach Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung Mannheim. Ihre zunehmende Präsenz und die wirtschaftliche Dynamik, die von ihren Unternehmen ausgeht, steht daher im Blickpunkt einer neuen Publikation der bundesweiten gründerinnenagentur (bga), dem deutschlandweit einzigen Kompetenz- und Servicezentrum für Existenzgründungen von Frauen.

Das aktuell erschienene bga-Faktenblatt Nr. 27 zur "Unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen mit Migrationshintergrund" schärft den Blick für die immense Gründungsdynamik und das hohe unternehmerische Potenzial in dieser Bevölkerungsgruppe für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Es stellt erfolgreiche Gründerinnen vor, die in verschiedenen Branchen und mit unterschiedlichen Erfahrungen ihr eigenes Unternehmen gegründet haben. Ein Serviceteil mit praktischen Informationen und Kontaktadressen unterstützt interessierte und angehende Gründerinnen dabei, die berufliche Selbstständigkeit als eine Option ihrer Lebens- und Karriereplanung in Erwägung zu ziehen.

"Die spezifischen Anforderungen von weiblichen Gründerinnen darzustellen und ihre Bedeutung im gesamten volkswirtschaftlichen Kontext zu reflektieren, ist ein Anliegen unserer Arbeit", erklärt Iris Kronenbitter, Projektleitung der bundesweiten gründerinnenagentur (bga). "Dazu gehören die Darstellung der Branchenvielfalt, in der sich Frauen innerhalb ihrer Gründung bewegen, und natürlich auch demographische Faktoren wie die Berücksichtigung ihrer Nationalität. Und die Praxis zeigt, dass diese zielgruppenspezifischen Beratungs- und Förderangebote eine nachhaltige Wirkung haben, denn mit Unternehmensgründungen von Migrantinnen ist eine hohe Gründungsdynamik verbunden. Mit ihrem bikulturellen Hintergrund verfügen Unternehmerinnen der zweiten und dritten Migrantengeneration oft über besondere Qualifikationen, mit denen sie in Deutschland erfolgreich neue Geschäftsfelder eröffnen können."

Ein bunter Mix an Herkunftsländern

Der Unternehmensbestand ausländischer Frauen ist prozentual weit stärker gewachsen als der der männlichen Migranten. Dabei kommen die meisten Existenzgründerinnen derzeit aus Polen (21.000), der Türkei (17.000), Italien und Griechenland (je 8.000) sowie der russischen Föderation (7.000). Insgesamt stammen rund drei Fünftel aus einem nicht zur EU gehörigen Land, wobei neben den osteuropäischen Drittstaaten vor allem die asiatischen Länder zu den relevanten Herkunftsregionen zählen.

Branchenwahl stark an Marktchancen und Bildung gekoppelt

Die Gründerinnen mit Migrationshintergrund bewegen sich auf den unterschiedlichsten Märkten. Je nach Herkunftsland setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte. Diese korrespondieren zum einen mit der Chancenerkennung auf den Märkten und zum anderen mit den verfügbaren Ressourcen – vor allem der Ausbildung. So machen sich türkische und italienische Frauen häufig im Gastgewerbe und Handel selbstständig. Frauen aus Osteuropa bieten häufiger wissensintensive sowie kurative Dienstleistungen an, etwa im Pflegebereich. Im Gegensatz zu den Frauen aus Südeuropa sind Migrantinnen aus den nord- und westeuropäischen Ländern weit häufiger in akademischen Berufen engagiert. Die wesentlichen Anreize für eine Selbstständigkeit sind der Wunsch nach Unabhängigkeit – häufig auch gekoppelt mit zunehmender Emanzipation aus familiären Rollen –, flexibler Arbeitsgestaltung und besseren Verdienstmöglichkeiten. Untersuchungen zeigen, dass die Durchschnittsverdienste von selbstständigen Frauen mit Migrationshintergrund tatsächlich höher liegen gegenüber abhängig beschäftigten Frauen.

"Klein aber mein"

Ein zentrales Element ethnischen Unternehmerinnentums ist der Rückgriff auf die Unterstützung und Arbeitskraft der Familie. Die meisten Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund haben daher keine oder wenige Beschäftigte – rund zwei Drittel der von dieser Bevölkerungsgruppe gegründeten Unternehmen entfallen auf die Solo-Selbstständigkeit.

Gelungene Integration im deutschen Markt

Frauen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland gegründet haben, sind in struktureller Hinsicht gut integriert, da sie sich hinsichtlich ihres Einkommens und ihrer individuellen Ressourcen gut platzieren und das Gefühl haben, infolge ihrer Selbstständigkeit mehr Anerkennung zu erfahren. Die Mehrzahl ihrer Kundinnen und Kunden sind Deutsche, ethnische Nischenplätze spielen kaum eine Rolle.

"Diese Entwicklungen zeigen, dass Unternehmensgründungen durch Migrantinnen neben den verbesserten Einkommenschancen für die Unternehmerinnen längst ein erheblicher volkswirtschaftlicher Faktor sind und zur Stärkung der deutschen Wirtschaft, aber auch zu einer kulturellen Verankerung und Integration insgesamt beitragen", so Iris Kronenbitter, Leitung der bundesweiten gründerinnenagentur (bga). "Mit unseren Aktivitäten der bga unterstützen wir eine passgenaue Beratung und Förderung, damit noch mehr Frauen aus Zuwandererfamilien Wege in die Selbstständigkeit beschreiten, ein eigenes Unternehmen gründen und erfolgreich führen können."

Weitere Informationen finden Sie unter bga-Publikationen.